Weltfrauentag 2026: Frauen in der IT - Warum der Wandel gerade jetzt möglich ist

Alte Vorurteile, neue Chancen: Der Wendepunkt für Frauen in der IT

Der Weltfrauentag am 8. März fällt dieses Jahr in eine Zeit voller Gegensätze – und gleichzeitig in eine Phase tiefgreifender technologischer Veränderungen. Einerseits war das Bewusstsein für die Bedeutung von Frauen in IT- und Digitalberufen in der deutschen Wirtschaft noch nie so groß. Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage unter 603 Unternehmen sind 78 Prozent überzeugt: Ohne Frauen verspielt die Wirtschaft ihre Zukunft. 65 Prozent sehen in einer stärkeren Beteiligung von Frauen sogar einen wichtigen Schlüssel, um den IT-Fachkräftemangel zu lösen.

Doch zwischen Einsicht und Realität klafft weiterhin eine große Lücke. In 94 Prozent der befragten Unternehmen sind Frauen in IT- und Digitalbereichen nach wie vor in der Minderheit. Nur vier von zehn Unternehmen haben sich überhaupt konkrete interne Ziele gesetzt, um den Frauenanteil zu erhöhen. Und dass Deutschland bei der Gleichstellung in digitalen Berufen international hinterherhinkt, räumen inzwischen auch 67 Prozent der Unternehmen selbst ein.

Tief sitzende Vorurteile – auch bei Frauen selbst

Die Studie zeigt außerdem eine unbequeme Wahrheit: Noch immer glauben viele Menschen, Männer seien besser für IT- und Digitalberufe geeignet. 43 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussage zu. Bemerkenswert ist dabei, dass dieses Vorurteil nicht nur von Männern getragen wird – auch 39 Prozent der befragten Frauen teilen diese Einschätzung. Das zeigt, wie tief traditionelle Rollenbilder weiterhin verankert sind. Umso wichtiger ist es, den Weltfrauentag nicht nur als symbolischen Anlass zu sehen, sondern als Gelegenheit, genau solche Denkmuster kritisch zu hinterfragen.

KI verändert die Spielregeln

Gleichzeitig eröffnet sich gerade jetzt eine besondere Chance. Der schnelle Fortschritt bei generativer KI verändert die Arbeit in der IT-Branche grundlegend. Während Entwicklerinnen und Entwickler früher jede Codezeile selbst schreiben mussten, arbeiten sie heute zunehmend mit KI-gestützten Tools und Agenten, formulieren Anforderungen in natürlicher Sprache und steuern komplexe Systeme eher auf konzeptioneller Ebene.

Dadurch verlieren klassische Einstiegshürden an Bedeutung. Jahrelange Programmiererfahrung oder ein Informatikstudium sind nicht mehr in jedem Fall zwingende Voraussetzungen. Die Rolle verändert sich: Aus reiner Programmierarbeit wird zunehmend kreatives Gestalten. Wer Software entwickelt, arbeitet heute eher wie eine Innenarchitektin oder ein Innenarchitekt für digitale Systeme – mit einer Vision, Ideen und vielen schnellen Iterationen, um Lösungen zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen damit Fähigkeiten, die nichts mit Geschlecht zu tun haben: kreatives Denken, interdisziplinäres Verständnis und die Fähigkeit, technische Möglichkeiten mit fachlichen Anforderungen zu verbinden.

Mehr Verantwortung bei den Unternehmen

Auch das Bewusstsein für diese Veränderungen wächst. Zum ersten Mal sagen 68 Prozent der Befragten, dass Unternehmen selbst stärker in der Verantwortung stehen, den Frauenanteil zu erhöhen – deutlich mehr als im Vorjahr mit 56 Prozent. Die Lücke zwischen Erkenntnis und konkretem Handeln ist zwar noch immer groß. Doch selten zuvor waren die Voraussetzungen so günstig, sie zu schließen. Expertinnen aus der Technologiebranche zeigen bereits heute, wie dieser Wandel gelingen kann.

Lakshmi Hanspal, Chief Trust Officer, DigiCert

Lakshmi Hanspal, Chief Trust Officer, DigiCert
Lakshmi Hanspal, Chief Trust Officer, DigiCert

Im Laufe meiner Karriere hat mich ein einfaches Mantra begleitet: Jeder von uns ist ein Engineer. Steh zu deinem Wert. Aber den eigenen Wert zu erkennen, ist weitaus einfacher, wenn einem zuvor jemand gezeigt hat, dass er überhaupt existiert.

Ich hatte das Privileg, Mentorinnen und Mentoren zu haben, die genau das getan haben. Sie haben mir nicht nur Türen geöffnet – sie sind lange genug mit mir hindurchgegangen, um sicherzustellen, dass ich auch weiß, wie ich mich auf der anderen Seite zurechtfinde. Sie haben mich herausgefordert, zwei Ebenen weiter nach oben zu denken, zu verstehen, wohin mein Weg führt, und niemals diejenigen zu vergessen, die nachkommen. Diese Begleitung hat nicht nur geprägt, wie ich führe, sondern vor allem, warum ich führe.

In einem Bereich, in dem ich oft die einzige Frau im Raum war, weiß ich sehr gut, was es heißt, den eigenen Platz behaupten zu müssen. Aber ich weiß auch, was es bedeutet, wenn sich jemand ganz bewusst dafür entscheidet, Raum für dich zu schaffen. Diese Entscheidung verändert alles.

„Give to Gain“ bedeutet für mich, genau diese Entscheidung zu treffen – jeden Tag und mit voller Absicht. Es bedeutet, gleichzeitig zwei Ebenen nach oben und eine Ebene nach unten zu blicken. Es bedeutet, Frauen, Veteranen und First-Generation-Professionals nicht im Rahmen einer Firmeninitiative zu fördern, sondern aus einer tiefen Verantwortung heraus. Es geht darum sicherzustellen, dass Inklusion keine bloße Richtlinie auf dem Papier ist, sondern in jedem Raum, in jedem Gespräch und in jeder gebotenen Chance spürbar wird.

Olivia Sherlock-Lynn, Teamlead Data Analysis & Visualization, Infinigate

Olivia Sherlock-Lynn, Teamlead Data Analysis & Visualization, Infinigate
Olivia Sherlock-Lynn, Teamlead Data Analysis & Visualization, Infinigate

In der IT weiß niemand alles – Erfolg entsteht durch Anpassungsfähigkeit, kontinuierliches Lernen und selbstbewusstes Voranschreiten. In dem Moment, in dem man aufhört, sich zu fragen, ob man dazugehört, und sich stattdessen auf den Wert konzentriert, den man einbringt, ändern sich die Dinge.

Man muss nicht die lauteste Stimme im Raum sein, um etwas zu bewirken. Meine Erkenntnis in Bezug auf Wertschätzung und Erfolg in der IT-Branche lautet deshalb: Seien Sie klar, bleiben Sie neugierig, nehmen Sie Herausforderungen mutig an und warten Sie nicht auf die Erlaubnis, die Führung zu übernehmen. Anerkennung folgt, wenn Selbstvertrauen auf Kompetenz trifft.

Stacey Forman, Head of HR Systems, Process & Data Analytics, Infinigate

Stacey Forman, Head of HR Systems, Process & Data Analytics, Infinigate
Stacey Forman, Head of HR Systems, Process & Data Analytics, Infinigate

Man muss kein Technikfreak sein, um eine Karriere in der Technologiebranche zu machen.

Technologie ist ein flexibler, schnelllebiger, innovativer und spannender Berufszweig für nahezu jeden.

Es gibt so viele unterstützende Tools und Communities, die dabei helfen, auf dem Weg zu lernen und sich weiterzuentwickeln.

Gleichzeitig braucht die Technologiebranche dringend mehr Repräsentation unterschiedlichster Menschen – insbesondere von Frauen -, um qualitativ hochwertige, inklusive und menschenzentrierte Produkte und Ergebnisse zu entwickeln.

Anna Collard, SVP Content Strategist & CISO Advisor, KnowBe4

Anna Collard, SVP Content Strategist & CISO Advisor,
Anna Collard, SVP Content Strategist & CISO Advisor, KnowBe4

Der International Women’s Day 2026 wirbt in diesem Jahr mit dem Motto „Give To Gain“ (Geben, um zu gewinnen) für mehr Aufmerksamkeit für die Förderung von Frauen weltweit. Ein wichtiger Aspekt, der genauso in der Cybersicherheit eine Rolle spielt, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Über 50 Prozent der Frauen verlassen die Tech-Branche in der Mitte ihrer Karriere wie der Global Gender Gap Report 2023 des WEF feststellte.

Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen oftmals im nicht in der Branche. Frauen verlassen die Tech-Branche nicht, weil sie nicht mit den Männern mithalten können. Sie verlassen sie, weil sie immer noch in einer Gesellschaft leben, die von Frauen erwartet, dass sie den Großteil der unbezahlten Pflegearbeit zu Hause übernehmen und sich um Kinder, Haushalt und ältere Menschen kümmern. Und das passt nicht zu Führungspositionen, die eine Arbeitszeit von 8 bis 17 Uhr oder, wie es oft der Fall ist, viel längere Arbeitszeiten erwarten. Dies hat also nichts mit der Tech-Branche per se zu tun, sondern liegt in der allgemeinen Lage der Gesellschaft. Frauen verbringen im Durchschnitt weltweit dreimal mehr Zeit als Männer mit Betreuungsarbeit. Die Zahl verdeckt allerdings die Unterschiede zwischen den Ländern, in einigen Ländern ist die Situation noch viel schlimmer.

Wenn die Security-Community will, dass Frauen länger im Berufsleben bleiben und Führungspositionen bekleiden, braucht es einen Kulturwandel, der anerkennt, wie viel unbezahlte Betreuungsarbeit tatsächlich zur Arbeitsbelastung beiträgt. In der Studie „ The Future of the Care Economy 2024 “ wurde die ausgefallene Arbeitszeit von Frauen weltweit berechnet. Unbezahlte Pflegearbeit würde demnach, wenn sie vergütet würde, neun Prozent des globalen BIP ausmachen.

Der Rat an junge Frauen, die einen Job in der Cybersicherheit anstreben ist daher, nicht abzuwarten, bis sie sich zu 100 Prozent bereit dazu fühlen. Technologien entwickeln sich so schnell, dass sich niemand jemals vollständig vorbereitet fühlt. Junge Frauen sollten deshalb nicht mit dem Mindset in die Tech Welt einsteigen, bereits alles wissen zu müssen. Vielmehr gilt es für sie Fragen zu stellen und im Job selbst das nötige Wissen aufzubauen. Neugierde und das Streben nach Wissen sorgen dafür, dass Frauen in der Community reüssieren.

Viktoria Müller, IAM-Consultant, NEXIS

Viktoria Müller, IAM-Consultant
Viktoria Müller, IAM-Consultant, NEXIS

Der Weltfrauentag ist für mich mehr als ein Datum – er ist ein Anlass, sichtbar zu machen, welchen Beitrag Frauen in der IT leisten. Gleichzeitig erinnert er daran, dass der Schritt in diese Branche für viele junge Frauen noch immer mit Unsicherheiten verbunden ist – oft geprägt von Vorurteilen oder fehlenden Vorbildern. Dabei bietet kaum eine andere Branche so viele Möglichkeiten, sich fachlich wie persönlich weiterzuentwickeln und aktiv Zukunft zu gestalten. Meine eigenen Erfahrungen haben mir gezeigt, wie viel Potenzial genau dort entsteht, wo man den Mut hat, neue Wege zu gehen.

Als ich mich für die IT-Branche entschieden habe, war ich oft eine der wenigen Frauen im Raum. Und ja, manchmal braucht es Mut, seine Stimme zu erheben, technische Entscheidungen zu vertreten oder neue Wege vorzuschlagen. Doch genau hier liegt die Chance: Die IT lebt von Perspektivenvielfalt. Sie braucht analytische Denkerinnen, kreative Problemlöserinnen, Teamplayerinnen, Visionärinnen. IT bedeutet längst nicht mehr nur „Programmieren im stillen Kämmerlein“. Es bedeutet Kommunikation mit Fachbereichen, strategisches Denken, Projektmanagement, Innovationskraft und kontinuierliches Lernen. Gerade im IAM-Umfeld arbeite ich an der Schnittstelle zwischen Technologie und Kundenbedürfnissen. Und genau diese Kombination macht den Beruf so spannend.

Wenn Unternehmen jungen weiblichen Talenten frühzeitig Vertrauen schenken und den Raum geben, sich auszuprobieren, entsteht eine unglaubliche Dynamik. Mein Rat an alle jungen Frauen, die überlegen, in die IT oder Cybersicherheit zu gehen: Lasst euch von Stereotypen nicht abschrecken. Die Technologien entwickeln sich so rasant, dass Neugierde und Lernbereitschaft ohnehin eure wichtigsten Werkzeuge sind. Traut euch einfach, den ersten Schritt zu machen, denn die Branche braucht genau unsere Perspektive!

Diana Jouard, Group Product Manager, Ping Identity

Diana Jouard, Group Product Manager
Diana Jouard, Group Product Manager, Ping Identity

In der Cybersicherheit bringen Frauen nicht nur vielfältige Perspektiven ein, die unseren Schutz von Digital Trust stärken. Sie helfen auch dabei, die Grenzen des Möglichen in einem immer noch stark männerdominierten Bereich zu erweitern. Ich habe aus erster Hand erlebt, wie Neugier, Resilienz und eine inklusive Zusammenarbeit zu besseren Lösungen führen. Ich bin stolz darauf, dass wir als Frauen in Führungspositionen nicht nur die Technologie prägen, sondern eine gerechtere und innovativere Zukunft für die gesamte Branche gestalten.

Mein Rat an Frauen, die eine Karriere in der Cybersicherheit anstreben, lautet: Bleibt neugierig und hört niemals auf zu lernen. Aufstrebende Bereiche wie dezentrale Identitäten erfordern eine starke Mischung aus technischem Wissen und menschenzentrierten Fähigkeiten. Gleichzeitig werden Künstliche Intelligenz und die Zukunft von KI Agenten enorme Sicherheitsstandards erfordern, um richtig gesteuert zu werden. Der Aufbau eines starken fachlichen Fundaments ist daher absolut essenziell. Schreckt außerdem nicht vor Projekten zurück, die sich herausfordernd anfühlen. Genau das sind oft die Momente, in denen echtes Wachstum stattfindet und Selbstvertrauen aufgebaut wird.

Carmen Honacker, Fraud Consultant, Risk Ident

Carmen Honacker, Fraud Consultant
Carmen Honacker, Fraud Consultant, Risk Ident

Als ich vor fast 20 Jahren in der Betrugsprävention angefangen habe, war ich oft die einzige Frau am Tisch – manchmal auch die einzige, die eine andere Frage gestellt hat. Frauen in Tech kämpfen oft auf mehreren Fronten gleichzeitig: Sichtbarkeit, Glaubwürdigkeit – und das Gefühl, für einen Platz kämpfen zu müssen, der uns längst zusteht.

Dabei sind unterschiedliche Perspektiven ein echter Wettbewerbsvorteil – die besten Entscheidungen entstehen dort, wo unterschiedliche Stimmen nicht nur gehört, sondern aktiv verstärkt werden. Denn wenn Frauen sich gegenseitig sichtbar machen und füreinander eintreten, profitieren am Ende alle.

Melissa Bischoping, Sr. Director of Security & Product Design Research, Tanium

Melissa Bischoping, Sr. Director of Security & Product Design Research
Melissa Bischoping, Sr. Director of Security & Product Design Research, Tanium

Weltweit machen Frauen mehr als 40 Prozent der Erwerbsbevölkerung aus, aber weniger als 30 Prozent der Führungskräfte – im MINT-Bereich sinkt dieser Anteil sogar auf etwa 14 Prozent. Die Cybersecurity-Branche hat zwar Fortschritte in Sachen Diversität gemacht, aber die Kultur, nicht die Politik, ist nach wie vor das eigentliche Hindernis. Es reicht nicht aus, mehr Frauen in die Tech-Branche zu holen; wir müssen die bereits vorhandenen Talente auch unterstützen und halten. Zu viele werden immer noch durch Vorurteile, veraltete Erwartungen in Bezug auf die Pflege und ein Umfeld, das ständige Verfügbarkeit belohnt, zurückgehalten.

Gleichzeitig bietet KI eine echte Chance. Richtig eingesetzt, kann sie Burnout reduzieren und zu mehr Chancengleichheit beitragen, insbesondere für Quereinsteiger und Frauen, die wieder in den Beruf zurückkehren. Ich bin zum Beispiel erst mit 30 in die Tech-Branche eingestiegen, und Innovationen wie KI beschleunigen mein Lernen und stärken mein Selbstvertrauen.

Aber es gibt kein Patentrezept, um den Frauenanteil im Sicherheitsbereich zu erhöhen. Vielmehr sind konzertierte Anstrengungen im gesamten Unternehmen erforderlich, die von der obersten Führungsebene konsequent unterstützt werden müssen. Der Vorteil für Frauen wird sich aus den Unternehmen ergeben, die ebenso viel in ihre Mitarbeiter wie in Technologie investieren und KI einsetzen, um die Führungskräftepipeline zu stärken, anstatt sie zu verkleinern. So stellen wir sicher, dass Frauen, die in die Bereiche Wissenschaft, Technologie und Cybersicherheit einsteigen, unterstützt werden, damit sie bleiben, wachsen und Führungspositionen übernehmen können.


 

Weltfrauentag 2026: Frauen in der IT - Warum der Wandel gerade jetzt möglich ist

Alte Vorurteile, neue Chancen: Der Wendepunkt für Frauen in der IT

Der Weltfrauentag am 8. März fällt dieses Jahr in eine Zeit voller Gegensätze – und gleichzeitig in eine Phase tiefgreifender technologischer Veränderungen. Einerseits war das Bewusstsein für die Bedeutung von Frauen in IT- und Digitalberufen in der deutschen Wirtschaft noch nie so groß. Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage unter 603 Unternehmen sind 78 Prozent überzeugt: Ohne Frauen verspielt die Wirtschaft ihre Zukunft. 65 Prozent sehen in einer stärkeren Beteiligung von Frauen sogar einen wichtigen Schlüssel, um den IT-Fachkräftemangel zu lösen.

Doch zwischen Einsicht und Realität klafft weiterhin eine große Lücke. In 94 Prozent der befragten Unternehmen sind Frauen in IT- und Digitalbereichen nach wie vor in der Minderheit. Nur vier von zehn Unternehmen haben sich überhaupt konkrete interne Ziele gesetzt, um den Frauenanteil zu erhöhen. Und dass Deutschland bei der Gleichstellung in digitalen Berufen international hinterherhinkt, räumen inzwischen auch 67 Prozent der Unternehmen selbst ein.

Tief sitzende Vorurteile – auch bei Frauen selbst

Die Studie zeigt außerdem eine unbequeme Wahrheit: Noch immer glauben viele Menschen, Männer seien besser für IT- und Digitalberufe geeignet. 43 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussage zu. Bemerkenswert ist dabei, dass dieses Vorurteil nicht nur von Männern getragen wird – auch 39 Prozent der befragten Frauen teilen diese Einschätzung. Das zeigt, wie tief traditionelle Rollenbilder weiterhin verankert sind. Umso wichtiger ist es, den Weltfrauentag nicht nur als symbolischen Anlass zu sehen, sondern als Gelegenheit, genau solche Denkmuster kritisch zu hinterfragen.

KI verändert die Spielregeln

Gleichzeitig eröffnet sich gerade jetzt eine besondere Chance. Der schnelle Fortschritt bei generativer KI verändert die Arbeit in der IT-Branche grundlegend. Während Entwicklerinnen und Entwickler früher jede Codezeile selbst schreiben mussten, arbeiten sie heute zunehmend mit KI-gestützten Tools und Agenten, formulieren Anforderungen in natürlicher Sprache und steuern komplexe Systeme eher auf konzeptioneller Ebene.

Dadurch verlieren klassische Einstiegshürden an Bedeutung. Jahrelange Programmiererfahrung oder ein Informatikstudium sind nicht mehr in jedem Fall zwingende Voraussetzungen. Die Rolle verändert sich: Aus reiner Programmierarbeit wird zunehmend kreatives Gestalten. Wer Software entwickelt, arbeitet heute eher wie eine Innenarchitektin oder ein Innenarchitekt für digitale Systeme – mit einer Vision, Ideen und vielen schnellen Iterationen, um Lösungen zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen damit Fähigkeiten, die nichts mit Geschlecht zu tun haben: kreatives Denken, interdisziplinäres Verständnis und die Fähigkeit, technische Möglichkeiten mit fachlichen Anforderungen zu verbinden.

Mehr Verantwortung bei den Unternehmen

Auch das Bewusstsein für diese Veränderungen wächst. Zum ersten Mal sagen 68 Prozent der Befragten, dass Unternehmen selbst stärker in der Verantwortung stehen, den Frauenanteil zu erhöhen – deutlich mehr als im Vorjahr mit 56 Prozent. Die Lücke zwischen Erkenntnis und konkretem Handeln ist zwar noch immer groß. Doch selten zuvor waren die Voraussetzungen so günstig, sie zu schließen. Expertinnen aus der Technologiebranche zeigen bereits heute, wie dieser Wandel gelingen kann.

Lakshmi Hanspal, Chief Trust Officer, DigiCert

Lakshmi Hanspal, Chief Trust Officer, DigiCert
Lakshmi Hanspal, Chief Trust Officer, DigiCert

Im Laufe meiner Karriere hat mich ein einfaches Mantra begleitet: Jeder von uns ist ein Engineer. Steh zu deinem Wert. Aber den eigenen Wert zu erkennen, ist weitaus einfacher, wenn einem zuvor jemand gezeigt hat, dass er überhaupt existiert.

Ich hatte das Privileg, Mentorinnen und Mentoren zu haben, die genau das getan haben. Sie haben mir nicht nur Türen geöffnet – sie sind lange genug mit mir hindurchgegangen, um sicherzustellen, dass ich auch weiß, wie ich mich auf der anderen Seite zurechtfinde. Sie haben mich herausgefordert, zwei Ebenen weiter nach oben zu denken, zu verstehen, wohin mein Weg führt, und niemals diejenigen zu vergessen, die nachkommen. Diese Begleitung hat nicht nur geprägt, wie ich führe, sondern vor allem, warum ich führe.

In einem Bereich, in dem ich oft die einzige Frau im Raum war, weiß ich sehr gut, was es heißt, den eigenen Platz behaupten zu müssen. Aber ich weiß auch, was es bedeutet, wenn sich jemand ganz bewusst dafür entscheidet, Raum für dich zu schaffen. Diese Entscheidung verändert alles.

„Give to Gain“ bedeutet für mich, genau diese Entscheidung zu treffen – jeden Tag und mit voller Absicht. Es bedeutet, gleichzeitig zwei Ebenen nach oben und eine Ebene nach unten zu blicken. Es bedeutet, Frauen, Veteranen und First-Generation-Professionals nicht im Rahmen einer Firmeninitiative zu fördern, sondern aus einer tiefen Verantwortung heraus. Es geht darum sicherzustellen, dass Inklusion keine bloße Richtlinie auf dem Papier ist, sondern in jedem Raum, in jedem Gespräch und in jeder gebotenen Chance spürbar wird.

Olivia Sherlock-Lynn, Teamlead Data Analysis & Visualization, Infinigate

Olivia Sherlock-Lynn, Teamlead Data Analysis & Visualization, Infinigate
Olivia Sherlock-Lynn, Teamlead Data Analysis & Visualization, Infinigate

In der IT weiß niemand alles – Erfolg entsteht durch Anpassungsfähigkeit, kontinuierliches Lernen und selbstbewusstes Voranschreiten. In dem Moment, in dem man aufhört, sich zu fragen, ob man dazugehört, und sich stattdessen auf den Wert konzentriert, den man einbringt, ändern sich die Dinge.

Man muss nicht die lauteste Stimme im Raum sein, um etwas zu bewirken. Meine Erkenntnis in Bezug auf Wertschätzung und Erfolg in der IT-Branche lautet deshalb: Seien Sie klar, bleiben Sie neugierig, nehmen Sie Herausforderungen mutig an und warten Sie nicht auf die Erlaubnis, die Führung zu übernehmen. Anerkennung folgt, wenn Selbstvertrauen auf Kompetenz trifft.

Stacey Forman, Head of HR Systems, Process & Data Analytics, Infinigate

Stacey Forman, Head of HR Systems, Process & Data Analytics, Infinigate
Stacey Forman, Head of HR Systems, Process & Data Analytics, Infinigate

Man muss kein Technikfreak sein, um eine Karriere in der Technologiebranche zu machen.

Technologie ist ein flexibler, schnelllebiger, innovativer und spannender Berufszweig für nahezu jeden.

Es gibt so viele unterstützende Tools und Communities, die dabei helfen, auf dem Weg zu lernen und sich weiterzuentwickeln.

Gleichzeitig braucht die Technologiebranche dringend mehr Repräsentation unterschiedlichster Menschen – insbesondere von Frauen -, um qualitativ hochwertige, inklusive und menschenzentrierte Produkte und Ergebnisse zu entwickeln.

Anna Collard, SVP Content Strategist & CISO Advisor, KnowBe4

Anna Collard, SVP Content Strategist & CISO Advisor,
Anna Collard, SVP Content Strategist & CISO Advisor, KnowBe4

Der International Women’s Day 2026 wirbt in diesem Jahr mit dem Motto „Give To Gain“ (Geben, um zu gewinnen) für mehr Aufmerksamkeit für die Förderung von Frauen weltweit. Ein wichtiger Aspekt, der genauso in der Cybersicherheit eine Rolle spielt, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Über 50 Prozent der Frauen verlassen die Tech-Branche in der Mitte ihrer Karriere wie der Global Gender Gap Report 2023 des WEF feststellte.

Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen oftmals im nicht in der Branche. Frauen verlassen die Tech-Branche nicht, weil sie nicht mit den Männern mithalten können. Sie verlassen sie, weil sie immer noch in einer Gesellschaft leben, die von Frauen erwartet, dass sie den Großteil der unbezahlten Pflegearbeit zu Hause übernehmen und sich um Kinder, Haushalt und ältere Menschen kümmern. Und das passt nicht zu Führungspositionen, die eine Arbeitszeit von 8 bis 17 Uhr oder, wie es oft der Fall ist, viel längere Arbeitszeiten erwarten. Dies hat also nichts mit der Tech-Branche per se zu tun, sondern liegt in der allgemeinen Lage der Gesellschaft. Frauen verbringen im Durchschnitt weltweit dreimal mehr Zeit als Männer mit Betreuungsarbeit. Die Zahl verdeckt allerdings die Unterschiede zwischen den Ländern, in einigen Ländern ist die Situation noch viel schlimmer.

Wenn die Security-Community will, dass Frauen länger im Berufsleben bleiben und Führungspositionen bekleiden, braucht es einen Kulturwandel, der anerkennt, wie viel unbezahlte Betreuungsarbeit tatsächlich zur Arbeitsbelastung beiträgt. In der Studie „ The Future of the Care Economy 2024 “ wurde die ausgefallene Arbeitszeit von Frauen weltweit berechnet. Unbezahlte Pflegearbeit würde demnach, wenn sie vergütet würde, neun Prozent des globalen BIP ausmachen.

Der Rat an junge Frauen, die einen Job in der Cybersicherheit anstreben ist daher, nicht abzuwarten, bis sie sich zu 100 Prozent bereit dazu fühlen. Technologien entwickeln sich so schnell, dass sich niemand jemals vollständig vorbereitet fühlt. Junge Frauen sollten deshalb nicht mit dem Mindset in die Tech Welt einsteigen, bereits alles wissen zu müssen. Vielmehr gilt es für sie Fragen zu stellen und im Job selbst das nötige Wissen aufzubauen. Neugierde und das Streben nach Wissen sorgen dafür, dass Frauen in der Community reüssieren.

Viktoria Müller, IAM-Consultant, NEXIS

Viktoria Müller, IAM-Consultant
Viktoria Müller, IAM-Consultant, NEXIS

Der Weltfrauentag ist für mich mehr als ein Datum – er ist ein Anlass, sichtbar zu machen, welchen Beitrag Frauen in der IT leisten. Gleichzeitig erinnert er daran, dass der Schritt in diese Branche für viele junge Frauen noch immer mit Unsicherheiten verbunden ist – oft geprägt von Vorurteilen oder fehlenden Vorbildern. Dabei bietet kaum eine andere Branche so viele Möglichkeiten, sich fachlich wie persönlich weiterzuentwickeln und aktiv Zukunft zu gestalten. Meine eigenen Erfahrungen haben mir gezeigt, wie viel Potenzial genau dort entsteht, wo man den Mut hat, neue Wege zu gehen.

Als ich mich für die IT-Branche entschieden habe, war ich oft eine der wenigen Frauen im Raum. Und ja, manchmal braucht es Mut, seine Stimme zu erheben, technische Entscheidungen zu vertreten oder neue Wege vorzuschlagen. Doch genau hier liegt die Chance: Die IT lebt von Perspektivenvielfalt. Sie braucht analytische Denkerinnen, kreative Problemlöserinnen, Teamplayerinnen, Visionärinnen. IT bedeutet längst nicht mehr nur „Programmieren im stillen Kämmerlein“. Es bedeutet Kommunikation mit Fachbereichen, strategisches Denken, Projektmanagement, Innovationskraft und kontinuierliches Lernen. Gerade im IAM-Umfeld arbeite ich an der Schnittstelle zwischen Technologie und Kundenbedürfnissen. Und genau diese Kombination macht den Beruf so spannend.

Wenn Unternehmen jungen weiblichen Talenten frühzeitig Vertrauen schenken und den Raum geben, sich auszuprobieren, entsteht eine unglaubliche Dynamik. Mein Rat an alle jungen Frauen, die überlegen, in die IT oder Cybersicherheit zu gehen: Lasst euch von Stereotypen nicht abschrecken. Die Technologien entwickeln sich so rasant, dass Neugierde und Lernbereitschaft ohnehin eure wichtigsten Werkzeuge sind. Traut euch einfach, den ersten Schritt zu machen, denn die Branche braucht genau unsere Perspektive!

Diana Jouard, Group Product Manager, Ping Identity

Diana Jouard, Group Product Manager
Diana Jouard, Group Product Manager, Ping Identity

In der Cybersicherheit bringen Frauen nicht nur vielfältige Perspektiven ein, die unseren Schutz von Digital Trust stärken. Sie helfen auch dabei, die Grenzen des Möglichen in einem immer noch stark männerdominierten Bereich zu erweitern. Ich habe aus erster Hand erlebt, wie Neugier, Resilienz und eine inklusive Zusammenarbeit zu besseren Lösungen führen. Ich bin stolz darauf, dass wir als Frauen in Führungspositionen nicht nur die Technologie prägen, sondern eine gerechtere und innovativere Zukunft für die gesamte Branche gestalten.

Mein Rat an Frauen, die eine Karriere in der Cybersicherheit anstreben, lautet: Bleibt neugierig und hört niemals auf zu lernen. Aufstrebende Bereiche wie dezentrale Identitäten erfordern eine starke Mischung aus technischem Wissen und menschenzentrierten Fähigkeiten. Gleichzeitig werden Künstliche Intelligenz und die Zukunft von KI Agenten enorme Sicherheitsstandards erfordern, um richtig gesteuert zu werden. Der Aufbau eines starken fachlichen Fundaments ist daher absolut essenziell. Schreckt außerdem nicht vor Projekten zurück, die sich herausfordernd anfühlen. Genau das sind oft die Momente, in denen echtes Wachstum stattfindet und Selbstvertrauen aufgebaut wird.

Carmen Honacker, Fraud Consultant, Risk Ident

Carmen Honacker, Fraud Consultant
Carmen Honacker, Fraud Consultant, Risk Ident

Als ich vor fast 20 Jahren in der Betrugsprävention angefangen habe, war ich oft die einzige Frau am Tisch – manchmal auch die einzige, die eine andere Frage gestellt hat. Frauen in Tech kämpfen oft auf mehreren Fronten gleichzeitig: Sichtbarkeit, Glaubwürdigkeit – und das Gefühl, für einen Platz kämpfen zu müssen, der uns längst zusteht.

Dabei sind unterschiedliche Perspektiven ein echter Wettbewerbsvorteil – die besten Entscheidungen entstehen dort, wo unterschiedliche Stimmen nicht nur gehört, sondern aktiv verstärkt werden. Denn wenn Frauen sich gegenseitig sichtbar machen und füreinander eintreten, profitieren am Ende alle.

Melissa Bischoping, Sr. Director of Security & Product Design Research, Tanium

Melissa Bischoping, Sr. Director of Security & Product Design Research
Melissa Bischoping, Sr. Director of Security & Product Design Research, Tanium

Weltweit machen Frauen mehr als 40 Prozent der Erwerbsbevölkerung aus, aber weniger als 30 Prozent der Führungskräfte – im MINT-Bereich sinkt dieser Anteil sogar auf etwa 14 Prozent. Die Cybersecurity-Branche hat zwar Fortschritte in Sachen Diversität gemacht, aber die Kultur, nicht die Politik, ist nach wie vor das eigentliche Hindernis. Es reicht nicht aus, mehr Frauen in die Tech-Branche zu holen; wir müssen die bereits vorhandenen Talente auch unterstützen und halten. Zu viele werden immer noch durch Vorurteile, veraltete Erwartungen in Bezug auf die Pflege und ein Umfeld, das ständige Verfügbarkeit belohnt, zurückgehalten.

Gleichzeitig bietet KI eine echte Chance. Richtig eingesetzt, kann sie Burnout reduzieren und zu mehr Chancengleichheit beitragen, insbesondere für Quereinsteiger und Frauen, die wieder in den Beruf zurückkehren. Ich bin zum Beispiel erst mit 30 in die Tech-Branche eingestiegen, und Innovationen wie KI beschleunigen mein Lernen und stärken mein Selbstvertrauen.

Aber es gibt kein Patentrezept, um den Frauenanteil im Sicherheitsbereich zu erhöhen. Vielmehr sind konzertierte Anstrengungen im gesamten Unternehmen erforderlich, die von der obersten Führungsebene konsequent unterstützt werden müssen. Der Vorteil für Frauen wird sich aus den Unternehmen ergeben, die ebenso viel in ihre Mitarbeiter wie in Technologie investieren und KI einsetzen, um die Führungskräftepipeline zu stärken, anstatt sie zu verkleinern. So stellen wir sicher, dass Frauen, die in die Bereiche Wissenschaft, Technologie und Cybersicherheit einsteigen, unterstützt werden, damit sie bleiben, wachsen und Führungspositionen übernehmen können.